Tai Chi allgemein

Ein Weg zu innerer Kraft und Ausgeglichenheit

Tai Chi oder Taiji geschrieben, ist Teil der jahrtausendealten chinesischen Bewegungskultur und ein Übungsweg, der sowohl über ein erstaunliches Wissen bezogen auf die Funktionsweise des menschlichen Körpers als auch über die des Geistes verfügt. Letztendliches Ziel dieses Übungsweges ist die Einheit mit dem Höchsten, dem Äußersten, das heißt dem Taiji.

Viele Menschen üben Taiji weil sie sich entspannen, oder etwas für ihre Gesundheit tun wollen. Taiji wirkt lindernd bei Rückenschmerzen, bzw. beugt ihnen vor. Es hilft erwiesenermaßen bei Nervenschwäche, bei Verdauungsbeschwerden, Bluthochdruck, Kopfschmerzen u.a.m.

Aber man würde Taiji nicht gerecht, wollte man es auf seine gesundheitsfördernden Aspekte beschränken. Es zielt auf die Entwicklung und Kultivierung des ganzen Menschen ab. Dazu trägt das folgende Taiji-Übungssystem bei:

  • die 5 Lockerungsübungen nach Huang Xingxian
  • die langsamen Formen (die kurze Form in der Zheng Manqing-Tradition und die lange Form nach Yang Cheng-Fu),
  • die Quick-fist nach Huang Xingxian, eine schneller ausgeführte Taiji-Form,
  • die Partnerübungen Pushing-hands - sie fördern die Sensibilität,
  • Energie- und Stilleübungen

Taiji wird traditionell in drei Bereiche unterteilt:

  1. Bewegung und Gesundheit
  2. Kampfkunst
  3. Meditation

Gesundheit wird im Taiji ganz im Sinne der Traditionellen Chinesischen Medizin als ein ausgewogener, im Gleichgewicht befindlicher Gesamtzustand verstanden, der mit einem ungehinderten Fluss der Lebensenergie Qi durch den Organismus einhergeht. Taiji nähert sich diesem Gesundheitsverständnis durch ein harmonisches Zusammenwirken von Körper, Geist und Energie, wobei der Geist die führende Rolle spielt.

Ein zentraler Bestandteil des Trainingssystems ist die sogenannte „Form", ein festgelegter, langsam ausgeführter Bewegungsablauf, der mit der Zeit immer genauer und subtiler wird. Dabei sind u.a. folgende Aspekte von Bedeutung: Präzise Körperwahrnehmung und Körpersteuerung, ein umfassendes Verständnis von Entspannung und Ausrichtung/alignment, Bewegung aus dem Körperzentrum, der zielgerichtete Einsatz mentaler Kräfte ...

Die Partnerübungen des Pushing hands oder chinesisch Tuishou sind ein integraler Bestandteil des Taiji-Trainings. Allerdings geht das Verständnis von Pushing hands weit auseinander. Während sich die einen im Zweikampf messen, sind andere weniger wettkampforientiert und sehen in Pushing hands vor allem eine Möglichkeit, ihre Feinfühligkeit zu trainieren. Pushing hands wird mit Schritten und ohne Schritte geübt, nach vorgegebenen Bewegungsmustern oder frei.

Im Gegensatz zu den sogenannten äußeren Kampfkünsten zählt Taijiquan (quan = Faust) neben Baguazhang und Xing Yi Quan zu den inneren Kampfkünsten Chinas. Diese verlassen sich nicht auf mechanische Vorteile wie ein breiter, tiefer Stand, Hebel und Masse oder auf Schnelligkeit und auf Kraft durch Muskelkontraktion, sondern auf eine sehr genaue und feine Wahrnehmung, auf die elastische Komponente von Kraft "Taiji-Jin" (Analogie von einer zusammengedrückten Sprungfeder, die schließlich in ihre Ausgangslage zurückschnellt), sowie auf die Anwendung mentaler Kräfte. Etwas vereinfacht ausgedrückt kann man sagen, äußere Kraft bewegt den Körper, innere Kraft bewegt sich durch den Körper.

Taiji ist vom Gedankengut des Konfuzianismus und mehr noch durch den Daoismus geprägt worden. Wahrscheinlich waren es daoistische Mönche, die als erste Taiji praktiziert haben und diese Tradition bis heute in daoistischen Klöstern lebendig erhalten und pflegen. Für einen meditativen Übungszustand ist eine tiefe Form von Entspannung, innerer Ruhe und Zentrierung unerlässlich. Die äußeren Sinne, mit denen man die Außenwelt wahrnimmt, „schlafen ein" und die inneren Sinne, mit denen man die eigene Innenwelt wahrnimmt „wachen auf". Um das einzuüben kennt Taiji neben der Form eine Vielzahl von Praktiken, die sich je nach Taiji-Stil und Taiji-Schule unterscheiden können.

Zheng Manqing, einer der bekanntesten Taiji-Lehrer des 20. Jh., hat auf die Frage, "Was ist der wichtigste Grund Taiji zu üben", geantwortet: "Wenn du zu einer gewissen Einsicht gekommen bist und verstehst, worum es im Leben geht, bleibt dir noch genügend Gesundheit, um es zu genießen." "Der Aspekt der Selbstverteidigung und auch die gesundheitsfördernden Wirkungen des Taij standen in seinem Unterricht nicht im Vordergrund, vielmehr unterrichtete er diese Kunst als Weg zum Dao, als Lebensweg." (Wolfe Lowenthal. Es gibt keine Geheimnisse)

Taiji-Form